75 Jahre Kriegsende – Erwachen aus einem Alptraum

Von Wolfgang Lanzinger

Vorbemerkung

Leid von unvorstellbarem Ausmaß hat dieser Zweite Weltkrieg über zahllose Menschen gebracht, hat sie entrechtet und entwürdigt, hat viele Familien zerrissen und viele Leben zerstört. Somit muss das Kriegsende im Mai 1945 sich für alle, die unter dieser heillosen Menschheitskatastrophe zu leiden hatten, wie das Erwachen aus einem langen Alptraum angefühlt haben. Aus den lebhaften Schilderungen vieler Zeitzeugen soll der folgende Aufsatz authentisch zeigen, was in Dorfen und Umgebung im Jahr 1945 zu erleben war und welch kuriose Vorfälle sich in den letzten Kriegsmonaten noch ereignet haben. Gegliedert ist der Text nach Ortsteilen der Großgemeinde Dorfen.

EIBACH
Flucht aufs Land

Viele Dorfener haben in den letzten Kriegstagen aus Angst vor den feindlichen Tieffliegern Zuflucht bei umliegenden Bauern gesucht. So versteckten sich etwa im Weiler Grün beim Anzinger Hauptlehrer Johann Poschner und Schriftsteller Josef Martin Bauer; auch Auswärtige und sogar Prominente waren anzutreffen, so in Jakobrettenbach der Münchner Filmschauspieler Joe Stöckel, der mit dem Dorfener Polizeiwachtmeister Nesselthaler gekommen war.

Im abgelegenen Einödhof Taggrub trafen sich die Familien Streibl und Brandhuber aus Orlfing, wobei Vater Brandhuber mit seiner Schwester Anna wegen des Lagerhausbetriebs und der Landwirtschaft zu Hause ausharrte, dann aber nach den Bombenangriffen auf den Dorfener Bahnhof (am 24. April) schließlich auch nach Taggrub flüchtete. Währenddessen kamen prompt zwei SS-Soldaten und fragten die Tante Anna nach dem Auto, über dessen Verbleib diese aber nichts wusste – daraufhin drohten ihr die zwei SS-ler, sie „an die Wand zu stellen“, worauf die Anna ganz naiv antwortete: „Dann stell i mi halt an die Wand!“ – Die Soldaten kapitulierten vor dieser Unbedarftheit und zogen wieder ab, während das gesuchte Auto wohlbehütet in einer Scheune in Taggrub stand. Einige Tage später verließen die Brandhubers Taggrub und fanden eine Bleibe im Lazarett Algasing, wo sie zusammen mit dem Rossknecht in dessen Kammer hausten, bis schließlich am 1. Mai die Amerikaner kamen.

Kampfhandlungen

Im März 1945 wurde unweit von Haus eine deutsche Jagdmaschine abgeschossen, der Pilot starb dabei. Am selben Tag stürzte bei Hampersdorf an der Leiten (neben dem Neumaier-Haus) ein amerikanisches Kampfflugzeug ab – die 7-köpfige Besatzung konnte sich mit Fallschirm retten. Die umliegenden Gemeinden wurden angewiesen, Suchtrupps auszuheben. Dabei durchstreiften z. B. junge Burschen aus Eibach die Wälder der Umgebung, jedoch ohne Erfolg. Immerhin konnten 2 Amerikaner bei dieser Fahndungsaktion gefasst werden; dabei kam es zu einem Handgemenge, bei dem einer der beiden von einem Dorfener erschlagen wurde. Diesen traf nach 1945 ein Todesurteil durch die Besatzungsmacht.

Am Karsamstag, dem 31. März 1945, kam es zwischen Dorfen und Taufkirchen zu einem Luftkampf zwischen einem deutschen und einem amerikanischen Kampfflugzeug, den beide Piloten nicht überlebten. Die deutsche Maschine ging in Untergebensbach beim Gschlössl-Anwesen nieder, die amerikanische bei Kalling.

Am 1. Mai zog ein deutsches Wehrmachtskontingent auf dem Rückzug von Taufkirchen her in Richtung Dorfen und blieb am Berg vor Kronsöd hängen – es war ja Schnee gefallen, und der Weg, die heutige Kreisstraße ED 13, verlief damals noch als Sandstraße am Kronsöder Holz entlang. Nachmittags ab 14 Uhr hatten Aufklärungsflugzeuge die Situation auskundschaftet. Ab 15 Uhr griffen die Amerikaner von Taufkirchen und Moosen her an. Dabei kam ein deutscher Soldat ums Leben, ein weiterer wurde verwundet und dann im Lazarett Algasing versorgt. 7 Pferde der Wehrmacht überlebten den Angriff nicht. Schwere Schäden erlitt vor allem auch die Ortschaft Kalling. 5 Granaten-Volltreffer erschütterten das Dorf. Beim Drexler zählte man 184 zerbrochene Fensterscheiben. Die Autogarage stürzte um und lag im Garten, vom Werkstattanbau flog das Blechdach davon. Zahlreiche Granatsplitter verirrten sich in die Häuser, Ställe und Scheunen. Zumindest blieben die Menschen in Kalling unversehrt. Die Bevölkerung hatte sich im Schlosskeller versteckt. In den Kellern beim Schlossbauern und beim Wirt hielten sich zwei Gruppen der SS bzw. der ihr nahestehenden Wehrmacht-Baukompanie Organisation Todt verborgen. Wie durch ein Wunder unversehrt blieb Josef Mayer, der zunächst in seinem Haus bleiben wollte, es aber dann doch mit der Angst zu tun bekam, so dass er in seiner Panik durch den Granatenhagel ins Schloss flüchtete. Auch Josef Hörl riskierte sein Leben: Er kehrte aus dem Schlosskeller noch einmal in sein Haus zurück, um den Hund „Nelli“ zu retten, und erlebte aus nächster Nähe, wie im Schmid-Anwesen eine Granate einschlug, die einen Druckkessel aus dem 1. Stock in den Hof schleuderte, der natürlich explodierte. „Ganz Kalling brennt“, erzählte er daraufhin den verängstigten Kellerbewohnern.

Es muss ein apokalyptisches Geschehen gewesen sein. Die Einwohner des Nachbardorfes Wicheling beobachteten es aus sicherer Entfernung und fürchteten, in Kalling bleibe kein Stein auf dem anderen. Letzten Endes ging es aber für die einheimische Bevölkerung relativ glimpflich aus.

Das Bombardement dauerte etwa 2 Stunden. Schon am Abend kamen die Leute aus der Umgebung, um sich bei den liegen gebliebenen deutschen Fahrzeugen und Gespannen zu bedienen. Diese Plünderungen setzten sich bis in die Nacht hinein fort und zogen durch ihre Lampen wohl die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf sich. So lösten sie ungewollt ein neues Unglück aus: Gegen Mitternacht rauschten wieder Kampfflugzeuge heran und bombardierten den Kallinger Berg. 7 Granateneinschläge wurden gezählt. Eine Granate zerschmetterte dabei eine große Eiche in Jakobrettenbach. Ein Splitter schoss durchs Kellerfenster des Gerlhofs und riss dabei dem 50-jährigen Knecht des Gerl-Bauern, Josef Bauer aus Breitenloh, halb den Kopf ab. 36 Personen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in diesem Rübenkeller unter dem Kuhstall – ganz Jakobrettenbach samt Evakuierten (u. a. auch der bereits genannte Joe Stöckel). Wären sie in ihren Betten geblieben, wäre nichts passiert.

In Eibach hatten, als die Amerikaner den Kallinger Berg bombardierten, deutsche Soldaten begonnen, beim Beisen-Anwesen Flak (Flugabwehrkanonen) aufzubauen. Allerdings kam dann aus dem nahe gelegenen Kriegslazarett Algasing das Verbot, diese zu benützen – in einer Lazarettschutzzone dürfen laut den Genfer Konventionen keine Kriegshandlungen stattfinden. Das Lazarett war damals mit über 400 Soldaten belegt und platzte aus allen Nähten. Hätten von Eibach aus Flak auf amerikanische Flugzeuge geschossen, hätte dem Ort sicherlich das gleiche Schicksal wie Kalling gedroht.

Einzug der Amerikaner

Am 2. Mai gingen der Kallinger Michael Drexler und der bei ihm untergekommene Dr. Horst Hagemann, ein ehemaliger Beamter des Reichspropagandaministeriums, mit weißer Fahne nach Johannrettenbach, wo die Amerikaner standen, und gaben diesen zu verstehen, dass sich die Ortschaft Kalling ergebe. Und wie vielerorts, so verhielten sich auch in Kalling die „Amis“ wohlwollender, als man gemeinhin annahm. Für Familien, die sich kooperativ zeigten, fielen Essenskonserven an. Befremdende Erfahrungen machte Leni Drexler mit einem schwarzen US-Soldaten, der mit seinem Jeep vor ihr hielt, ihr den Eimer Wasser nahm, den sie soeben aus einem Graben geschöpft hatte, und daraus trank. Beim Schlossbauern in Kalling hielten sich die Dorfener Schwestern Kantel auf, die sich aus Angst vor der Vergewaltigung durch die Besatzer die Haare weiß färbten und altmodische Frauenkleidung trugen.

Von den Wehrmacht-Vorräten am Kallinger Berg fiel natürlich auch für die Kallinger Bevölkerung manches ab. So konnte die Familie Drexler von den eingesammelten Kommissbroten 14 Tage lang leben. Leni Drexler (die heute 90-jährige Wirtin von Eibach) zog einen Lederfetzen aus einem Wagen, der später zu zwei Paar Schuhen für sie verarbeitet wurden.

In Jakobrettenbach hätte ein SS-ler beinahe den Held-Bauern Martin Hintereder erschossen, der mit einer weißen Fahne vor dem Haus stand. Dem Schreiner von Eibach, Hans Huber, hätte fast dasselbe geblüht: Angehörige der Waffen-SS bedrohten ihn, als er mit der weißen Fahne den Amerikanern entgegenlaufen wollte.

Beim Gerl-Bauern in Jakobrettenbach hatten sich Anfang Mai 7 Amerikaner einquartiert. Zugleich hielt die Bäuerin auch heimlich 2 deutsche Soldaten versteckt, von deren Existenz die Amis nichts wissen durften. Die Gerl-Familie erfuhr später, dass es sich dabei um ehemalige Aufseher des KZ Buchenwald handelte. Zahlreiche Soldaten hatten damals angesichts der ausweglosen Situation die Truppen verlassen und befanden sich bereits auf dem Heimweg. Da der Krieg aber offiziell noch nicht beendet war, galten sie als fahnenflüchtig. Sie durften also weder dem deutschen noch dem amerikanischen Militär in die Hände fallen.

Die in der Gegend stationierten Amerikaner hielten im Mai dann mit einem in Eibach im Kammerer-Hof wohnenden Priester einen Dankgottesdienst in der Jakobrettenbacher Kirche ab.

Viele Bauern hatten während der Kriegsjahre Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten beschäftigt, und manche behandelten diese auch wie das, wozu die NS-Hetze sie degradierte: wie Untermenschen. Wer will es also diesen Zwangsarbeitern verdenken, dass sie nach dem Einmarsch der Amerikaner die Gunst der Stunde für sich nutzten?

Im Eibacher Wirtssaal waren während der Kriegsjahre gefangene Franzosen untergebracht. Weil sie sich beim Wirt gut behandelt fühlten, erwiesen sie sich als treue Verbündete, als in den ersten Maitagen plündernde Polen den rechtlosen Zustand ausnutzten. Die Franzosen holten das Bier und die Speisen aus dem Eiskeller auf den Tanzboden, damit die Polen nichts vorfanden.

ZEILHOFEN

Kathi Huber, langjährige Zeilhofener Ortsbäuerin und Kreisrätin, erinnert sich noch lebendig daran, dass die Amerikaner in Scharen kamen, mit ihren Panzern und Jeeps kreuz und quer über die Felder fuhren und Soldaten schnappten, die zum Teil schon in Zivil unterwegs waren. In ihrem Elternhaus, beim Moar in Unterseebach, hatten die Amis das Haus besetzt und bewachten dort in der Stube gefangen genommene Soldaten. Kathi Huber erzählte, dass die Amis so erschöpft und müde waren, dass einer ihrer Schwester ein Gewehr gab, damit sie die Gefangenen bewachte. Dabei befand die Moar-Familie sich in höchster Gefahr, denn sie hielt 3 desertierte deutsche Soldaten auf dem Heuboden versteckt, die die damals 20-jährige Kathi zwischen Taufkirchen und Dorfen aufgelesen hatte, darunter einen Offizier. Als einer der 3 Soldaten dann von den Amerikanern entdeckt wurde, gab ihn die Bäuerin als ihren Sohn aus.

Beim Wirt in Zeilhofen waren im Saal die Kriegsgefangenen untergebracht, ca. 30 Franzosen, die bei Bauern der Umgebung arbeiten mussten. Ihre polnische Leidensgenossen aus dem Sammellager Dorfen nutzten nach der Besetzung durch die Amerikaner ihre Freiheiten zu Plünderungen aus, gerade dort, wo sie offenbar nicht gut behandelt wurden. Dabei haben sie in einem Racheakt sogar einen Bauern der Gemeinde Zeilhofen ermordet, einen weiteren ausgeraubt und 2 seiner Töchter vergewaltigt. Wer diese Verbrechen gleich verurteilt, muss aber in Rechnung stellen, dass die Zwangsarbeiter ja zunächst selbst Opfer waren, Opfer des deutschen Imperialismus und Rassismus. Die NS-Propaganda schürte im Dritten Reich neben dem Judenhass auch das Feindbild vom polnischen „Untermenschen“. Dementsprechend wurden gerade polnische Kriegsgefangene oft sehr unmenschlich behandelt.

Besonders aufrüttelnd ist auch ein Fall von Lynchjustiz, bei dem ein polnischer Zwangsarbeiter im August 1944 in der Ziegelei Meindl unter dem Beifall einer aufgebrachten Bevölkerung gehängt wurde.

WASENTEGERNBACH

Im März 1945 kam es in Wasentegernbach zu einer Auseinandersetzung zwischen US-Jagdbombern und einem mit Flak ausgerüsteten Güterzug. Dabei kam ein deutscher Soldat ums Leben, der mit dem Kanonenfeuer einen Telefonmasten traf und von einem Querschläger weggerissen wurde.

Damals wurde ja noch der Volkssturm ausgehoben und notdürftig ausgebildet. So haben 15-Jährige im Moos bei Wasentegernbach mit Panzerfaustattrappen auf Torfhütten gezielt oder sinnlose Panzersperren errichtet, etwa in einem Hohlweg bei Kirchstetten, der für Panzer ohnehin zu eng war.

Ende April sollten deutsche Soldaten die Isenbrücke in Wasentegernbach sprengen, um den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten. So wurden am 30. April Fliegerbomben mit einem Gesamtgewicht von über 6 t in einem Leiterwagen aus Erding antransportiert. Den Auftrag dazu hatte die in der Zurmühle bei Schwindegg untergebrachte Kommandantur der Wehrmacht erteilt. Josef Heitauer und Josef Pitzer hatten vergeblich versucht, diese Aktion durch Verhandlungen zu verhindern. Zwei Landser schlugen in den Beton der erst 10 Jahre alten Brücke 6 Nischen, um die Bomben befestigen zu können. Doch Josef Heitauer konnte die Zündschnur entwenden und in eine Hecke werfen, der alte Weinzierl-Vater legte sich mit den Landsern an und wollte einem das Gewehr entreißen. Zudem fuhr Josef Pitzer mit dem damaligen Bürgermeister Anton Weilnhammer per Fahrrad nach Schwindegg, um die Kommandantur von der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens zu überzeugen: Die Isen würde die Amerikaner ohnehin nicht aufhalten, denn Sebastian Niedermeier hatte durch sein Elektrizitätswerk den Wasserstand vorsorglich auf 30 cm abgesenkt. Als der Kommandant von den Übergriffen der Wasentegernbacher auf die beiden Landser erfuhr, weigerte er sich erst recht einzulenken. Die Sprengung sollte um 17 Uhr erfolgen. Wegen der fehlenden Zündschur bereiteten die Landser die Zündung mit einer Batterie vor, 2 SS-Männer kamen unterstützend hinzu. Womit allerdings niemand gerechnet hatte: Die Brücke hielt der Detonation der 1. Bombe stand. Dann wurden 2 weitere Bomben gezündet, und immer noch war die Brücke trotz erkennbarer Beschädigung nicht zerstört. Josef Heitauer und Josef Pitzer konnten dann eine Bombe ins Wasser werfen, woraufhin die SS-Leute Pitzer stellten und sofort erschießen wollten. Dessen Schwester sprang geistesgegenwärtig zwischen die Kontrahenten und konnte so die Erschießung verhindern.

Mittlerweile war es Nacht geworden. Da man von Dorfen her das Dröhnen von Panzern und Artilleriefeuer hörte, türmten die beiden SS-ler und die 2 Landser. Einige Wasentegernbacher warfen daraufhin sofort die beiden restlichen Bomben in die Isen. Die 3 detonierten Bomben hatten auch an den umliegenden Häusern erhebliche Schäden angerichtet. In die Brücke war ein stubengroßes Loch gerissen, das in der Nacht noch von einigen Wasentegernbacher Männern notdürftig mit Kies und Holzläden wieder repariert wurde. Die Familie Pitzer einschließlich der über 90-jährigen Großeltern verbarg sich in dieser Nacht übrigens in einem unterirdischen Silo – eine sehr beklemmende und ungemütliche Situation, da es in der Nacht zum 1. Mai ja schneite.

Die Amerikaner verhielten sich nach den Erinnerungen von Josef Pitzer zur Wasentegernbacher Bevölkerung nicht unfair, blieben aber sehr misstrauisch. So tranken sie kein Leitungswasser, nicht einmal Quellwasser, aus Angst, es könne vergiftet sein. Stattdessen holten sie aus dem Moos eine braune Brühe, die beim Torfstechen frei wird, und filtrierten sie.

SCHWINDKIRCHEN

Der Krieg forderte aus dem Pfarrsprengel Schwindkirchen 141 gefallene und vermisste Soldaten. Im Bereich der Gemeinde Eibach sind 73 Kriegsopfer zu beklagen – Zahlen, die einen heute erschaudern lassen!

Hermann Kerschbaumer aus Schwindkirchen, langjähriger Leiter der Trachtenkapelle Wasentegernbach, erlebte das Kriegsende als Sechsjähriger. Aus den Erzählungen seiner Eltern weiß er, dass Schwindkirchens Pfarrer Josef Bauer wegen regimekritischer Äußerungen von der Polizei abgeholt wurde. Schon an seiner vorherigen Pfarrstelle in Marktschellenberg bei Berchtesgaden war er deswegen aktenkundig geworden.

Im März und April 1945 hat die NS-Regierung noch den Volkssturm rekrutiert. Dem wurde in Schwindkirchen aufgetragen, im Pfarrer-Hölzl (oberhalb der Kirche) und im Stadlbauern-Hölzl (nördlich des Feuerwehrhauses) noch Stollen zu graben und einen Schießstand zu bauen, von denen dann aber glücklicherweise nicht mehr Gebrauch mehr gemacht wurde.

Am 1. Mai fuhr bei Schneetreiben der 1. amerikanische Jeep durch. Zunächst traute sich niemand, eine weiße Fahne hinauszuhängen. Fuhrunternehmer Ludwig Kölbl ging allerdings mit weißer Fahne auf die Amerikaner zu und empfahl sich den Amerikanern, die ihn daraufhin als Bürgermeister einsetzten. Wegen seiner kommunistischen Gesinnung fand das neue Gemeindeoberhaupt aber bei der Bevölkerung keine Akzeptanz. Die Gemeindesekretärin kündigte ihm den Dienst auf. Nach 14 Tagen machte sich eine Schwindkirchener Delegation auf nach Dorfen zur amerikanischen Kommandozentrale und bat um die Einsetzung eines anderen Bürgermeisters. Frau Gersbach, eine des Englischen mächtige ausgebombte Gelsenkirchenerin, die in Mainbach einquartiert war, fungierte als Dolmetscherin. Die „Mission“ hatte Erfolg. Die Amerikaner setzten den ungeliebten Kommunisten, der während der Räterepublik kurzzeitig einmal als Polizeipräsident von München eingesetzt war, ab und hoben den Bauern „Weidner-Wast“ aus Fanten, den späteren langjährigen Landtagsabgeordneten Sebastian Huber, auf den Schild.

Wider Erwarten erwiesen die Amerikaner sich als sehr humane Besatzer. Allerdings gingen sie mit den Lokalitäten nicht gerade zimperlich um. Mit ihren Panzern beschädigten sie u. a. die Friedhofmauer. Außerdem gingen sie auf die Jagd und dezimierten den Wildbestand in den Wäldern um Schwindkirchen erheblich.

Natürlich wurde auch die Schwindkirchner Gegend Anfang Mai 1945 von Plünderern heimgesucht, seien es Kriegsgefangene oder desertierte Soldaten. Besonders begehrt waren Fahrräder.

Lebhaft hat Hermann Kerschbaumer noch die Notzeiten in den ersten Nachkriegsjahren im Gedächtnis. Schreibpapier in den Schulen gab es zunächst so gut wie nicht. Viele Schulbücher waren zerfleddert, weil alle Seiten mit NS-Gedankengut herausgerissen wurden.

GRÜNTEGERNBACH

Ebenso wie bei Hampersdorf kam es auch in der Nähe von Grüntegernbach zum Abschuss eines feindlichen Flugzeugs, das beim Bauern in Bichl (bei Grünbach) aufprallte. Die Maschine ging sofort in Flammen auf, der amerikanische Pilot, der sich retten konnte, wurde eingefangen.

Wie überall in der Gegend waren auch in der Pfarrei Grüntegernbach viele Evakuierte untergebracht, Ausgebombte sowie abgesiedelte Ungarndeutsche und Batschka-Deutsche. Im Saal der Gastwirtschaft Gottbrecht befand sich außerdem ein Lager von Kriegsgefangenen aus Frankreich, Polen und der Ukraine. Sie arbeiteten bei Bauern in der Umgebung und pflegten auch nach der Rückkehr in ihre Heimat teilweise noch den Kontakt zu den damaligen „Arbeitgebern“, eben zu denen, die sie gut behandelten.

Am 1. Mai kamen die Amerikaner von Buchbach her. Panzer und Munitionsfahrzeuge walzten querfeldein durch Wiesen und Äcker. Das US-Kontingent quartierte sich in Grüntegernbach beim Wirt und daneben beim Glasl-Bauern ein. Die Glasl-Familie musste für einige Wochen ihr Haus verlassen.

Nach der Befreiung arbeiteten manche ehemaligen Kriegsgefangenen den Besatzern zu und denunzierten Soldaten, die sich bei Bauern versteckt hielten. Der Oberzeiler-Bauer wäre deshalb beinahe von den Amerikanern erschossen worden. Auch zeigten sie Arbeitgeber an, von denen sie sich zuvor besonders gedemütigt fühlten. Doch steht es uns, wie gesagt, nicht zu, sich altklug zum Richter über Vergehen von Zwangsarbeitern zu erheben, die ja oft über mehrere Jahre hinweg und unter erniedrigenden Bedingungen ausgenutzt wurden. Gänzlich unschuldig und wehrlos waren sie in ihre Situation geraten; begreiflich, dass sich aufgestaute Aggressionen entluden, als sich die Gelegenheit dazu bot.

Und so kam es in diesen unruhigen Maitagen auch im Raum Grüntegernbach zu Plünderungen. Neben ehemaligen Kriegsgefangenen gingen diese aber ebenfalls auf das Konto mittelloser Deutscher, die in ihrer Not nachts Bauern das Vieh aus den Ställen stahlen.

Auch zahlreiche Hamsterer aus dem Raum München waren in diesen Wochen unterwegs und erbettelten die Lebensmittel, die sie zum nackten Überleben brauchten. Die Bauern ihrerseits bedienten sich bei Pferdefuhrwerken und Traktorgespannen, die die Wehrmacht auf ihrem Rückzug liegen gelassen hatte. Die Grüntegernbacher Schleppergenossenschaft erhielt dabei ihren 50 PS starken Deutz-Traktor wieder zurück, den die Wehrmacht während des Krieges beschlagnahmt hatte.

DORFEN

In der Nacht vom 1. zum 2. Mai war Dorfen einem amerikanischen Artilleriebeschuss ausgesetzt. Am Morgen des 2. Mai zog die US-Army schließlich in den Markt ein. Beim Einzug der Amis glichen die Dorfener Marktplätze Augenzeugenberichten zufolge einem Meer weißer Fahnen.

Schließlich trieb die Besatzungseinheit gefangen genommene deutsche Soldaten zunächst im Bachmayer-Garten in der Schäfflergasse zusammen sowie auf der Wiese unterhalb der Jahnstraße, auf diesem Areal des heutigen Kinderhauses „Unterm Regenbogen“.

Während der Kriegsjahre waren Zwangsarbeiter im ehemaligen Gasthaus Strasser (heute Gewandhaus Gruber) und im Saal des Gasthauses Platschka (heute Lebzelter) untergebracht. Rasch erfolgte jetzt deren Befreiung durch die Amerikaner.

Beim Ziegler am Unteren Markt hatten die Besatzer das ganze Haus beschlagnahmt: In der ersten Etage hielt sich eine Einheit mit 40 Mann auf, im 2. Stock „logierte“ ein Colonel mit seinem Mitarbeiterstab. Die Ziegler-Familie Görz fand vorübergehend bei Fam. Däffinger am Herzoggraben eine Bleibe. Im Jakobmayer-Saal hatten 80 dunkelhäutige Amerikaner Quartier bezogen.

Gleich 3 Bürgermeister beriefen die Besatzer in Dorfen innerhalb von 7 Wochen: zunächst Verwaltungsinspektor Anton Seidinger, dann am 24. Mai Kaufmann Xaver Eigner und am 21. Juni Justizoberinspektor Andreas Hornstein.

Dass diese bedrückende Zeit – im Nachhinein betrachtet – auch unterhaltsame Anekdoten hervorbringen konnte, zeigt das Beispiel von Schorsch Wagner aus Oberhausmehring. Der heute 87-jährige gelangte durch Amerikaner, die in seinem Haus einquartiert waren, zu seiner Passion, der Brieftaubenzucht: Die Brieftauben, die die Besatzungssoldaten während ihres Aufenthalts in Hausmehring trainierten, kehrten von Holland aus vor der Einschiffung nach Übersee bei einem Freiflug wieder zurück nach Hausmehring.

Schlusswort

Für viele war mit der Kapitulation vom 8. Mai 1945 der Krieg noch nicht zu Ende. Viele deutsche Soldaten blieben vermisst bzw. warteten in der Gefangenschaft auf ihre Freilassung – mitunter noch Jahre. Die letzten Kriegsgefangenen kamen erst 10 Jahre später, im Herbst 1955, auf Kanzler Adenauers Intervention hin aus der Sowjetunion zurück – aus dem Gemeindebereich Dorfen Josef Dimpflmayer und Peter Waxenberger.

Der Wiederaufbau zog sich noch lange hin, und bald kam eine weitere Herkulesaufgabe auf die gebeutelte Bevölkerung zu: die Aufnahme der vielen deutschen Heimatvertriebenen aus dem Osten. Doch auch diese Herausforderung ließ sich meistern – umso besser besonders da, wo man einander unvoreingenommen begegnete und zur Zusammenarbeit bereit war. Die wirtschaftliche und politische Stabilität der Bundesrepublik Deutschland lässt sich also als Ergebnis einer echten Gemeinschaftsleistung werten.

Und deshalb kann man – von heute aus betrachtet – gar nicht anders, als den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung aufzufassen. Den westdeutschen Besatzungsmächten ist der rasche Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung auf den Trümmern eines zutiefst verbrecherischen Regimes zu verdanken, und damit letztlich die Befreiung von einer Diktatur, die bis heute als Schande Deutschlands nachhallt.