Das Kriegsende in Dorfen 1945

Ein neuer Bericht von Franz Streibl

Nachdem die „Augenzeugen“ der Ereignisse von 1945 immer weniger werden, ist es angebracht, die Ereignisse von damals für die Nachwelt festzuhalten. So will ich meine damaligen Erlebnisse erzählen, aber „sine ira et studio“, also nicht unter dem Aspekt der Befreiung oder des Zusammenbruchs oder als Beginn des Elends, z. B. der Flüchtlinge oder als der Tag der „Rache“ an den bösen „Nazis“. Viel von dem, was erzählt werden wird, ist natürlich aus der Sicht eines Kindes gesehen, das ich damals ja auch noch war!

Die ersten Erinnerungen an diese Zeit sind mit dem Brummen von Flugzeugmotoren verbunden, denn gegen Ende des Krieges flogen große Bombergeschwader von Italien her über die Alpen, um München, Regensburg, Augsburg oder andere Ziele zu bombardieren. Dieses Brummen erfüllte den ganzen Horizont und ist heute noch für mich irgendwie unheilankündigend. Und dann kam 1944 der große Moment, als eine solche „Feindmaschine“ über Dorfen abgeschossen wurde, vermutlich eine B 17 Flying Fortress. Die Bomber flogen damals bis 9000m hoch, und es dauerte einige Zeit, bis die Trümmer des zerstörten Flugzeugs unten ankamen. Manche Dorfener begannen bereits damit, ihre Häuser auszuräumen, aber die Trümmer kamen an der „Hampersdorfer Leiten“ runter, dort wo heute das Neubaugebiet entstanden ist. Als Kinder rannten wir natürlich dorthin und bewunderten die Trümmer. Es haben sich auch Fotos davon erhalten, die heute wertvolle Zeitdokumente in Privatbesitz sind. Zumindest ein paar Besatzungsmitglieder hatten sich gerettet und wurden in die Baracken einer Luftwaffeneinheit gebracht, die ungefähr dort standen, wo später die Fa. Sundei entstand. Auch davon gibt es Fotos (v. J. Lutz – siehe auch unter: https://historischer-kreis.de/dunkle-zeiten/)

Aber was hatten die Luftwaffensoldaten dort zu suchen? Sie betreuten Radargeräte, die im Moos östlich von Dorfen stationiert waren. Es waren das Geräte, vermutlich vom Typ „Würzburg“, und so geheim, dass man dort als Spaziergänger nicht einmal stehen bleiben durfte. Das hab ich selbst mit meinen Eltern erlebt, als wir dort vorbeigingen und die Geräte bewunderten. Da forderte der Posten sofort zum „Weitergehen“ auf. Die Sockel der Geräte haben sich lange in der Nachkriegszeit erhalten und dienten uns als Abenteuerspielplatz. Sie wurden allgemein als „Bunker“ bezeichnet.
(Foto: Franz Streibl als Bub, zusammen mit seinem Dackel, am Sockel eines Radargerätes im Moos östlich von Dorfen)

Den Alliierten waren die Radargeräte natürlich bekannt, und sie warfen bei ihren Angriffen immer Stanniolstreifen ab, die sog. Düppelstreifen. Diese silbrigen Metallstreifen reflektierten die Radarwellen und verwirrten die Radargeräte der Abwehr. Einmal hatte ich einen ganzen Arm davon gesammelt und trug meine Beute stolz nach Hause. Sie sollten an Weihnachten als Lametta dienen. Als ich am Unteren Markt entlangging, kam eine Geschäftsfrau von dort aus ihrem Laden heraus auf mich zu, gab mir eine Watschen und nahm mir mein Lametta ab mit der Erklärung: „Alles vergiftet!“. Als ich das zu Hause erzählte, hörte ich erstmals die abwertende Bemerkung: „Des fanatische Naziweib!“

Große Angst hatten wir vor den „Tieffliegern“, die angeblich alles angriffen, was sie sahen. Meine Mutter erzählte mir von einem Erlebnis mit den Tieffliegern: Wie sie einmal auf einer Hamsterfahrt mit dem Fahrrad gerade den Bahnübergang nach Kloster Moosen überquert hatte, da hörte sie ein einzelnes Flugzeug, vermutlich eine Lightning. Sie brachte sich sogleich im Straßengraben in Sicherheit und konnte von dort aus beobachten, wie sich ein Güterzug näherte und das Flugzeug mit seiner Maschinenkanone eine Garbe über die Lokomotive des Zuges zog und wieder abbrauste. Aus der Lokomotive quoll Rauch und Dampf. Der Zug stand und musste abgeschleppt werden. So wurde der Nachschub für die Truppe und die Zufuhr an Rohstoffen für die Rüstung ständig unterbrochen.

Von Aufmärschen der Nazis ist mir nichts mehr in Erinnerung, nur an die HJ-Buben kann ich mich erinnern, die in der Brauerei Bachmayer untergebracht waren. Sie kamen aus dem Ruhrgebiet und sollten sich in Bayern wieder satt essen und ohne Fliegeralarm die Nächte durchschlafen. Jeden Tag veranstalteten sie am Marienplatz eine feierliche Flaggenparade. Weil es „Preußen“ waren, haben wir mit ihnen immer wieder einmal gerauft, natürlich nur die Größeren unter uns.

Meine Mutter hatte mit dem Geschäft und dem Haushalt und mit mir genug zu tun, zumal der Vater im Krieg war. Da hätte sie es gerne gesehen, wenn ich in den Kindergarten gegangen wäre. Aber eine Hausangestellte, die sich viel um mich kümmerte und sehr kirchlich eingestellt war, beeinflusste mich gegen den Kindergarten. Sie hatte Angst, dass die Kindergärtnerinnen dort einen „kleinen Nazi“ aus mir machen würden. Es wurde ein Kompromiss geschlossen: Einen Tag lang schaute ich mir den Betrieb im Kindergarten an und blieb dann doch zu Hause. Die Kinder bei uns auf dem Lande hatten ja damals die Herrlichkeit. Von den Ängsten der Erwachsenen bekamen sie nur wenig mit. Dafür stand ihnen ganz Dorfen und Umgebung offen. Niemand musste Angst vor Autos haben, und wir konnten streunen, wohin wir wollten.

In Dorfen gab es damals noch vor dem Kriegsende und bevor die ersten „Flüchtlinge“ oder „Heimatvertriebenen“ kamen, schon viele „Evakuierte“. Das waren Leute aus den deutschen Großstädten, die durch den Bombenkrieg ihre Wohnungen verloren hatten und darum auf dem Land untergebracht wurden. Bei uns im Haus am Rathausplatz waren drei Parteien Evakuierte untergebracht. Vermutlich hat man uns das Haus überfüllt, weil wir nicht bei der „Partei“ waren. Ein älteres Ehepaar aus München war sogar auf dem Dachboden untergebracht, ohne Heizung und ohne Strom. Dieses Ehepaar kam aus Münchens „High Society“. Er war Arzt, und sie stammte aus einer Münchner Brauerdynastie. Sie haben uns einmal erzählt, dass sie zur Hochzeit von einem Hochzeitsgast Karten für das Nationaltheater geschenkt bekamen und nach der Vorstellung in einem Lokal vom ganzen Ensemble der Oper gefeiert wurden. So prominent waren die und jetzt lebten sie bei uns unterm Dach. Die Frau hatte ihren Ehemann so verwöhnt, dass er nichts aß, wenn es nicht mit echter Butter gebraten war. So war sie ständig unterwegs beim Hamstern, um Butter für ihn zu besorgen. Nach dem Krieg war ich Schüler in München und besuche die Arztfamilie immer wieder einmal. Er war bereits gestorben und sie saß in einem Lehnstuhl und dämmerte vor sich hin. Ihre Tochter stellte mich vor: „Oma, schau, der Streibl Franzi aus Dorfen ist da, wo ihr einmal gewohnt habt.“ Keine Reaktion! „Wo ihr unterm Dach gewohnt habt.“ Keine Reaktion! „Wo du immer beim Hamstern warst“. Da glitt ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie meinte: „Das war eine schöne Zeit!“ Offensichtlich wurde sie in diesen harten Zeiten erstmals in ihrem Leben gefordert.

Ein eigenes Kapitel sind die Kriegsgefangenen, meist Polen oder Franzosen. Die Firma Meindl arbeitete mit ihnen, und die Gefangenen waren auch dort untergebracht. Davon bekamen wir aber nichts mit. Auch auf den Bauernhöfen wurden Gefangene eingesetzt, und es gibt Fotos von Franzosen, die sich stolz hinter dem Pflug oder auf dem Heuwagen der Kamera präsentieren. Offensichtlich kam man gut miteinander aus. Ärger gab es nur, wenn es zu deutsch-französischen Liebesbeziehungen kam. Da wurde die deutsche Frau öffentlich gedemütigt (Haare abschneiden), und der Franzose war in Lebensgefahr. In Dorfen waren die Kriegsgefangenen im „Strasser-Eck“ (Foto) untergebracht, einem ruinösen Gebäude an der Ecke zwischen Rathausplatz und Marienplatz, heute Bekleidungshaus Gruber. Die Gefangenen sollten sich in verschiedenen Betrieben in Dorfen nützlich machen.

Der Schmid-Schuster in der Haager Straße hatte einen polnischen Schuster zugeteilt bekommen. Der wurde am Morgen vom „Strasser-Eck“ geholt, arbeitete den ganzen Tag in der Werkstatt und wurde am Abend zurückgebracht. Einmal, als am Abend niemand Zeit hatte, den Polen zurückzubringen, musste der Bub Max Schmid mit ca. 12 Jahren diese Aufgabe unternehmen. Der Bub bewachte also den ehemaligen polnischen Soldaten. Am Rathausplatz rannte der Gefangene plötzlich los und blieb nach ca. 50 Metern stehen. Zu Max, der dumm schaute, meinte er: „Max, eigentlich musst du mich jetzt (auf der Flucht) erschießen“. So hat es jedenfalls Max Schmid erzählt.

Auch der Spediteur Hans Amann war einer der wenigen, die ihren LKW in Kriegszeiten behalten durften, und hatte entsprechend viel Arbeit. Ein ihm zugeteilter Franzose beklagte sich immer wieder über die viele Arbeit und meinte: „Amann immer pressier!“ Gleich nach dem Krieg wurde Amann damit beauftragt, mit seinem LKW Kohlen vom Bahnhof zu den Dorfener Kohlehändlern zu bringen. Ein Arbeitskommando sollte ihm am Bahnhof die Kohlen aufladen. Als er nun am Bahnhof vorfuhr, um seinen LKW beladen zu lassen, stand die ganze Dorfener Parteiprominenz mit Schaufeln bereit, um „Sühnearbeit“ zu leisten. „Mein Gott, war mir das peinlich!“, hat er später erzählt.

Diese Geschichten habe ich im Wirtshaus mitbekommen, genauso wie eine weitere, etwas ernstere Geschichte. Ein junger Dorfener, kein begeisterter Nazi, wurde ganz am Ende des Krieges noch zur Wehrmacht eingezogen und kam nach kurzer Ausbildung an die Front im nahen Oberitalien. Wie es schon vielen Deutschen in Italien passiert ist, geriet er in einen Weinkeller, und als er sich bei seiner Einheit meldete, hatte er einen kleinen Schwips. Dort nahm man aber kaum Notiz von ihm. Es herrschte große Aufregung. Ein deutscher Soldat lag verwundet zwischen den Linien, und sobald ein deutscher Kamerad ihn retten wollte, wurde er von den Amis unter Feuer genommen. Beflügelt vom Wein kroch der Dorfener hinaus und holte den Kameraden rein, trotz wütendem Feuer der Amerikaner. Für seine Heldentat bekam er, kaum an der Front angekommen, schon wieder 14 Tage Sonderurlaub. Zu Hause war es so friedlich und schön, und darum hängte er an die 14 Tage noch ein paar Tage an, bis ein Bote von damaligen Bürgermeister Erhard kam mit der Aufforderung, sich sofort beim Bürgermeister zu melden. Der Bürgermeister eröffnete ihm, dass er schon als „fahnenflüchtig“ gesucht werde, und riet ihm, sich sofort an die Front zu begeben. Eine Ausrede für die Verspätung mit Krankheit oder Ähnlichem würde sich schon finden lassen. Unser Dorfener packte aber daheim seine Sachen zusammen und versteckte sich beim Osterloher, einem einsamen Bauernhof zwischen Lindum und Lappach. Das Anwesen war ganz vom Wald umgeben, und dort überstand er das Kriegsende. Eine ähnliche Geschichte hat sich übrigens auch beim Zwickl, östlich von Schönbrunn, ereignet. Dort war die ausgebombte Frau eines Soldaten mit ihrem kleinen Kind bei einem Bauern untergebracht. Ihr Mann war an der Front in Ostpreußen und sollte irgendwelche Ersatzteile für Waffen seiner Einheit in Böhmen holen. Er reiste aber weiter bis nach Schwindegg, wanderte nachts zu dem Bauernhof, wo seine Frau evakuiert war, und wurde von dieser in einer steilen Schlucht in den Gatterbergen in einer Erdhöhle, die er sich dort grub, versteckt und überlebte so das Kriegsende.

Die Grausamkeit des Krieges zeigte sich auch in meiner nächsten Verwandtschaft. Zwei Cousins und ein Onkel sind gefallen.

Inzwischen näherte sich die Front immer mehr dem Markt Dorfen. Für die folgenden Ereignisse gibt es verschiedene Quellen:

Da ist einmal das eigene Erlebnis, dann die Erzählungen der Erwachsenen, in der Familie oder der Nachbarschaft, dann ein Buch über die SS-Division „Nibelungen“, die im Raum Dorfen kämpfte, dann die Divisionsgeschichte der US-Infanteriedivision „Black Hawks“ und schließlich zwei Bücher aus der Schriftenreihe der Erzdiözese München-Freising, welche die Berichte der jeweiligen Pfarrherren in der Diözese über das Kriegsende in ihren Pfarreien zusammenfassen. Leider sind diese interessanten Bücher schon wieder vergriffen.

Nach eigenem Erleben kann ich berichten, dass kurz vor der Ankunft der Amerikaner die Einheiten der Wehrmacht Tag und Nacht durch Dorfen in Richtung Süden zur legendären Alpenfestung zogen. Erst als die Kolonnen weniger wurden, konnte man ahnen, dass jetzt bald der Feind kommen würde. Die beiden Isenbrücken in Dorfen waren für die Sprengung vorbereitet. Angeblich lud Brauereibesitzer Martin Obereisenbuchener, dem das Gasthaus „Soafa“ neben der „Soafabrücke“ gehörte, das Sprengkommando zu sich ins Hotel Wailtl ein und holte einige Flaschen alten Wein aus dem Keller. Bei gutem Wein und einer Brotzeit vergaßen die Pioniere für kurze Zeit den Krieg, und als sie durch einen Funkspruch an eine andere Einsatzstelle gerufen wurden, da war es zu spät für die Sprengung der Brücke. So wurde es jedenfalls erzählt. Die Sprengung der „Unteren Isenbrücke“ soll der damalige Bürgermeister Erhard verhindert haben. Dass beide Brücken in Dorfen das Kriegsende heil überlebten, ist schon fast ein Wunder!

Am Schluss, es war der Abend des 1. Mai, waren noch einige deutsche Panzer im Markt, von denen einer ohne Treibstoff vor der Mühle Löffl-Holzner abgestellt wurde. Er blieb dort einige Zeit liegen und war ein willkommener „Abenteuerspielplatz“ für die Kinder aus Dorfen. Nach Beobachtungen der Anwohner der Erdinger Straße war bereits am Abend des 1. Mai eine Kolonne der amerikanischen Armee in der Erdinger Straße. Dort wurde sie beschossen und zog sich wieder aus Dorfen zurück. Dorfen wurde dann die Nacht über mit Artilleriefeuer belegt. Eine Granate schlug an der Hausmauer des Gasthauses Greißl am Rathausplatz (später Bösl Sepp und heute VR-Bank) ein. Deren Splitter zerstörten alle Fenster gegenüber in den Häusern Streibl und Sewald. Heute noch gibt es einige Möbelstücke im Hause Streibl, die Splitterlöcher aufweisen. Einige Häuser am Rathausplatz hatten Keller, in denen sich die Bewohner in Sicherheit brachten. Wer keinen Keller hatte, suchte Schutz im Kartoffelkeller der Brauerei Bachmayer in der Apothekergasse. Das hölzerne Aborthäusl, das zum Kartoffelkeller und einem Wohnhaus gehörte, stand im Garten neben dem Haus, wie es damals üblich war. Und gerade dieses „Häusl“ bekam auch einen „Volltreffer“, sodass dort nur noch ein Granattrichter war. Das hat mich als Kind natürlich tief beeindruckt.

Eigentlich sollte ein „Volkssturm“ die Amerikaner aufhalten. Der übte zwar, aber er trat kaum in Aktion. Eventuell stammten die Schüsse auf die Amerikaner in der Erdinger Straße von so einem Fanatiker des Volkssturms. Bei uns im Hausgang lagen auch noch einige Panzerfäuste für den Volkssturm zum Einsatz bereit. Aber noch vor der ersten Hausdurchsuchung durch die Amerikaner wurden sie von meiner Mutter auf der Ladefläche eines vorbeifahrenden LKW „entsorgt“.

Jetzt zu den Quellen, die über das damalige militärische Geschehen rund um Dorfen berichten: Bei den deutschen Truppen, die den Amerikanern hinhaltenden Widerstand leisteten, waren auch Einheiten der SS-Division „Nibelungen“. Diese Division wurde gegen Kriegsende aufgestellt aus den Schülern der SS-Junkerschule Bad Tölz, meist jungen Burschen oft noch unter 18 Jahren, teils fanatisch, manchmal aber auch schon resigniert. In einem Erinnerungsbuch der Nibelungen-Division wird nur einmal kurz berichtet, dass ein Soldat von einer Anhöhe südlich von Dorfen beobachtet hatte, dass von Westen, Norden und Osten sich Kolonnen der Amerikaner Dorfen näherten. Es wird auch von Kämpfen in Dorfen berichtet, aber die sind allem Anschein nach erfunden.

Ihnen gegenüber stand die US-Division „Black Hawks“. Diese Division hatte sich von Frankreich her bis nach Oberbayern durchgekämpft. Über die Kämpfe der Division gibt es einen Divisionsbericht, den ich einsehen konnte. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass die Division eigentlich erfolgreich gegen Osten vorstieß, aber dann auf die Nazipropaganda von der „Alpenfestung“ hin nach Süden abbog. Der Chronist der Division berichtete ausführlich über die Kämpfe quer durch das Erdinger Moos in Richtung Dorfen. Als die Division schließlich in Landersdorf, kurz vor Dorfen war, da berichtete der Chronist von einem „Blizzard über dem Donautal“. Tatsächlich hat es damals in der Nacht von 1. zum 2. Mai geschneit, und beim Einmarsch der Amerikaner am 2. Mai lag Schnee. Er berichtete weiter, dass die Division einen Funkspruch bekommen habe, dass in Wasserburg noch eine Innbrücke unzerstört sei und man eine „Taskforce“ zusammenstellen müsse, um die Brücke in die Hand zu bekommen. Von Dorfen, das ja direkt vor der Division lag, hat er (leider) nichts mehr berichtet.

Auch Kardinal Faulhaber interessierte sich für die Ereignisse zum Kriegsende in seiner Diözese. Er beauftrage jeden Pfarrer damit, einen Bericht zu verfassen über das Kriegsende in seiner Pfarrei. Das zweibändige Werk ist leider vergriffen, aber ich habe es rechtzeitig gekauft und mit Interesse die Berichte über die Pfarreien Taufkirchen, Oberdorfen, Dorfen, Schwindkirchen und St. Wolfgang gelesen. Da ist einiges zu finden!

Am Morgen des 2. Mai marschierten dann die Amerikaner in Dorfen ein. Als die Dorfener die nicht endenden Kolonnen der US Truppen mit LKW, Panzer und den berühmten Jeeps sahen, da war jedem klar, wie sinnlos jeder Widerstand gewesen wäre. Es ist ja in Dorfen, Gott sei Dank, zu keinen sinnlosen Widerstandsaktionen gekommen und so zu keinen größeren Zerstörungen oder gar Todesfällen.

Hier sei angemerkt, dass es in Dorfen zwar einige fanatische Nazis gab, aber die Mehrheit der Bevölkerung das NS Regime eher kritisch sah. Nach Untersuchungen im gesamten „Deutschen Reich“ erwies sich die katholische, ländliche Bevölkerung als am meisten unempfänglich gegen die NS-Propaganda. Das traf zumindest teilweise auch auf Dorfen zu.

Aber, ob nun Parteigenosse oder NS-Gegner, alle sahen einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Fliegerangriffe hatten aufgehört, aber die Mütter und Ehefrauen wussten nicht, wo ihre Männer oder Sohne waren. Die Ernährungslage hatte sich nicht gebessert, und das Hamstern kam bald wieder in Schwung. Es gab Hausdurchsuchungen, bei denen die Amis höflich und korrekt vorgingen, aber doch manches Kleinod mitgenommen wurde. Von den Einquartierungen durch die Besatzungsmacht waren Nazis oder Unbelastete gleich betroffen. Die betroffenen Hausbewohner mussten in wenigen Stunden aus ihren Häusern und wussten nicht wohin. Wichtig für die Amerikaner war nur, dass das Haus genug Platz bot, geräumig und sauber war. Die Villen am Bahnweg waren da sehr beliebt. Natürlich mussten alle Waffen abgegeben werden, auch die Jagdwaffen, und mancher Jäger musste sich von seiner alten, schön gravierten und wertvollen Waffe trenne, denn der heimliche Besitz von Waffen war mit schweren Strafen bedroht. Die Amerikaner hatten anfangs viel Angst vor einem heimlichen Widerstand. Allerdings dachten die Deutschen an keinen Widerstand mehr. Sie hatten den Krieg gründlich satt.

Zum Thema Jagdwaffen ist mir in Schwindkirchen eine nette Geschichte zu Ohren gekommen. Dort gibt es in der Nähe des Ortes einen Bauernhof mit einer kleinen Kapelle in der Mitte des Hofes. Als sich ca. 1949 die Zeiten wieder gebessert hatten und die Deutschen auch wieder Waffen besitzen durften, da war einmal über Nacht das Dach der Kapelle halb abgedeckt worden. Die Bewohner des Hofes konnten sich darauf keinen Reim machen. Erst allmählich sickerte in Gesprächen im Wirtshaus durch, dass unter dem Dach der Kapelle Waffen versteckt worden waren, die jetzt in sicheren Zeiten wieder geholt wurden.

Hausdurchsuchungen gab es noch einige Zeit, aber weit weniger intensiv wie anfangs. An eine Durchsuchung kann ich mich noch gut erinnern. Das war an einem Sonntag, und wir waren gerade dabei, in die Kirche zu gehen, die Eltern im Sonntagsgewand und ich in einem Matrosenanzug. Als die amerikanischen Soldaten ins Haus kamen und mich in meiner Matrosenuniform sahen, da standen sie stramm und grüßten mich zackig!

Der Kontakt mit der deutschen Bevölkerung war anfangs den Amerikanern verboten und auch deutsche Burschen brandmarkten deutsche Mädchen, die sich mit Amerikanern einließen, als „Amischicksen“. Allerdings beruhigte sich die Lage bald, und es kam zu vielfachen Kontakten und auch zu Liebesbeziehungen.

Mit dem Ende des Krieges wurden auch alle Kriegsgefangenen frei, die bisher als Hilfskräfte eingeteilt waren. Sie standen anfangs unter dem Schutz der Besatzungsmacht, die sie befreit hatte. Die meisten verschwanden bald in ihre Heimat. Allerdings bildeten sich mit der Zeit Banden, die abgelegene Gehöfte überfielen und ausraubten. Das wurde eine richtige Landplage, bis endlich die Besatzungsmacht einschritt und für Ordnung sorgte. Weil in Dorfen die Häuser einiger Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, bekamen dort sogenannte DP Unterkunft. Diese DP (Displaced Persons) waren oft Osteuropäer, die nach dem Krieg aus ihrer Heimat fliehen mussten, oft waren es auch Fremdarbeiter, die nicht mehr heimdurften oder wollten. Die tauchten jetzt bei uns in Dorfen auf. Darunter waren auch Juden, die in der Meindl-Villa eine eigene „Blumengartenschule“ gründeten und sich auf das Leben in den Kibbuzim in Israel vorbereiteten. Im Jakobmayer-Saal hatten sie ihr religiöses Zentrum. Daran erinnern heute noch Fresken an der Wand des Treppenhauses. Weil mehrere Häuser von der Besatzungsmacht beschlagnahmt wurden, deren Besitzer politisch belastet waren, siedelten sich in Dorfen relativ viele Juden an und führten dort ihr eigenes, jüdisches Leben. Erst mit der Zeit wanderten sie nach Israel oder den USA aus. Das gegenseitige Verhältnis war oft von Mistrauen geprägt. Einmal, so kann ich mich erinnern, wollte bei uns im Geschäft ein DP eine bestimmte Ware kaufen. Die war aber nicht auf Lager, wie das häufig vor der Währungsreform der Fall war. Er wollte das aber nicht glauben und zog wütend ab. Nach kurzer Zeit kam er wieder, begleitet von einer Gruppe US-Soldaten und einem Panzerspähwagen. Er hatte sich Hilfe geholt, weil die „Nazis“ ihm nicht verkaufen wollten, was er dringend brauchte. Erst die Nachsuche im Laden überzeugte ihn und die Soldaten, dass die Ware wirklich nicht auf Lager war. Vermutlich handelte es sich um Nägel oder Schrauben, und die waren nur zu bekommen, wenn der Bestellung ins Ruhrgebiet ein Stück Butter oder Geräuchertes mitgegeben wurde. Der Schwarzhandel und das Hamstern blühten immer noch oder noch mehr. Es herrschte zwar allgemein ein Gefühl der Erleichterung, weil nicht mehr gekämpft wurde und keine Lebensgefahr mehr bestand und der Druck des Naziregimes gewichen war. Man konnte jetzt frei seine Meinung sagen. Aber die Sorge um das tägliche Brot und alle Bedürfnisse eines friedlichen Lebens waren geblieben.

Die Abrechnung mit den Nationalsozialisten in Dorfen ging an mir als Kind natürlich vorbei. Wie die Nationalsozialisten von Dorfen bestraft wurden, das ist in den Akten der Spruchkammern nachzulesen. Dass in Dorfen selbst davon viel Aufsehen gemacht wurde, daran kann ich mich nicht erinnern. Allerdings ist das natürlich aus der Sicht eines Kindes gesehen. Ich kann mich nur erinnern, dass die Erwachsenen mit viel Interesse die Berichte von den „Kriegsverbrecherprozessen“ in Nürnberg am Radio verfolgten.

Eine große Rolle spielte die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Schon zu Kriegszeiten kann ich mich erinnern, dass mein Vater, der in Hamburg bei der Flak stationiert war, einmal aus Dänemark eine große Dose Schinken schmuggelte und diese heimschickte. Zu Hause standen alle um die Dose herum, als diese geöffnet wurde und es waren verzückte Ausrufe zu hören: „Mei, so viel Fett!“. Butter oder Schmalz von einem Bauern, eine fetter Gockel oder gar eine Gans, das versetzte die Menschen damals in Entzücken, und das Fett wurde extra ausgelassen um als Brotaufstrich zu dienen. Man pflückte Heidelbeeren oder Brombeeren, um Marmelade zu kochen. Schwammerlsuchen war damals kein Sport, sondern Nahrungsbeschaffung. Sogar die jungen Triebe der Fichten im Frühjahr wurden gesammelt und ausgekocht, um daraus „Tannenhonig“ zu machen. Heute kann man den nur noch in der Drogerie oder dem Reformhaus teuer kaufen. Sogar das „Ährenlesen“, die Nachsuche auf den abgeernteten Feldern nach der Getreideernte, war damals noch üblich. So versuchte man, die kärgliche Portion Nahrungsmittel, die jedem Deutschen nach seinen „Lebensmittelkarten“ zustand, aufzubessern, und der Einfallsreichtum der Leute bei dieser Aufgabe war enorm. Auch sonst wurde vieles entdeckt oder manches „recycelt“, um der Not abzuhelfen. Für anfallendes Sägemehl wurden eigne „Sägleimofen“ konstruiert. Manches Kleidungsstück bestand aus ehemaligen Wehrmachtsplanen oder Decken. Aus Fallschirmseide wurden Blusen genäht, die zudem sehr „sexy“ waren, und Reste von Fahrradreifen wurden zu Schuhsohlen verarbeitet. In dieser Zeit galt ganz besonders das Sprichwort: „Not macht erfinderisch“.

Aber das Elend erreichte seinen traurigen Höhepunkt, als die „Flüchtlinge“ kamen. Das waren die Deutschen, die als Folge des Krieges aus ihrer Heimat in Jugoslawien, Rumänien, der Tschechoslowakei oder Polen vertrieben worden waren und nun im Rest Deutschlands untergebracht und verpflegt werden mussten. Fast in jedes Haus wurden Flüchtlinge eingewiesen, und zusätzlich kamen sie in den Arbeitsdienstlagern unter, die sich noch erhalten hatten, wie beispielweise in Dorfen in der Gartenstraße. Es herrschte damals eine gereizte Stimmung, denn die Einheimischen waren auch nicht begeistert über diese zusätzliche Belastung und mussten in ihren Häusern noch enger zusammenrücken. Aber die Zeit heilt Wunden, und von manchen dieser Heimatvertriebenen gingen mit der Zeit Initiativen aus, die für das Wirtschaftsleben in Dorfen sehr förderlich waren und später auch den Eingesessenen Arbeit und Brot brachten, von manchen Liebesbeziehungen mit einem „Flüchtlingsmädel“ ganz abgesehen.

Zum Thema Flüchtlingselend erinnere ich mich an ein persönliches Erlebnis aus dieser Zeit, das mir unvergessen bleibt. Es gab damals in der Schule die sogenannte „Schulspeisung“. Ich war seit 1945 als „Erstklassler“ in der Schule, und dort wurden wir Schüler erst einmal gemessen und gewogen. Ich brachte für meine Größe genug Gewicht auf die Waage, aber viele meiner Mitschüler nicht. Diese Kinder bekamen als Spende der amerikanischen Besatzungsmacht zur Pause zusätzliches Essen. Das waren meist Erbsensuppe oder Reisbrei, also keine „Delikatessen“, und ich war auch nicht scharf auf dieses Essen. Aber zum Ende der Woche gab es eine Tafel Schokolade. Die hätte ich auch gerne gehabt und war traurig, dass ich sie nicht bekam. Nun hatte meine Mutter in diesen Tagen auf dunklen Kanälen etwas Stoff aufgetrieben und beschlossen, mit daraus Hosen machen zu lassen, denn Bubenhosen wurden damals sehr strapaziert. Sie hatte nun erfahren, dass im Flüchtlingslager in der Gartenstraße eine Frau lebte, die schneidern konnte. So nahm sie mich und den Stoff und ging zum Lager. Als wir in die Baracke kamen, da begegnete mir mit einem Schlag das ganze Elend dieser Zeit. Dort war es eng, dämmrig und die Luft war feucht und stickig. Die Menschen lebten auf engstem Raum, und nur eine Reihe von Spinden trennte den Wohnbereich der einen Familie von ihren Nachbarn. Auf einem der Betten saß nun ein Schulkamerad von mir, nur mit einer Unterhose bekleidet. Und da sah ich mit Schrecken, dass der Bub wirklich nur, wie man in Bayern sagt, „Haut und Boana“ war. Jede einzelne Rippe war zu sehen. Da schwand mein Neid auf die Schokolade, und dieses Bild des Elends dieser Zeit hat sich mir für immer ins Gedächtnis eingeprägt.

Bleibt noch anzumerken, dass mit der Währungsreform 1948, als die DM kam, das Elend der Nachkriegszeit zu Ende ging und es bald alles zu kaufen gab. Die materielle Not der Nachkriegszeit hatte ein Ende, wenn auch Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit erst allmählich dem „Wirtschaftswunder“ weichen mussten. Ja, und es schadet uns nicht, einmal an diese Zeiten der Not und Gefahr zurückzudenken.