Das große Hochwasser in Dorfen vor 100 Jahren

Ein neuer Bericht von Franz Streibl

Als ein Teil der alten Dorfener um ca. 1230 n. Chr. ihre sicheren Hofe auf dem Berg von Oberdorf aufgaben um im Isental zu siedeln, da hatten sie im Tal bedeutend mehr Platz und waren in der Nähe der wichtigen Verkehrsverbindungen von Rosenheim nach Landshut und Regensburg und von Altötting, Mühldorf nach München. Sie waren aber auch weit mehr durch Hochwasser gefährdet. Berichte über frühere Hochwasser haben sich nur teilweise erhalten. So berichtet Gammel über ein Hochwasser der Lappach von 1388 mit verheerenden Folgen. Aber manchen Berichten ist nicht recht zu trauen. Da wurden die Schäden weit übertrieben, weil sich Bauern und Bürger von der Obrigkeit eine Ermäßigung der Abgaben und Steuern erhofften wegen der großen „Not“.

Im Süden Bayerns kam es schon immer im Frühsommer zu großen Hochwassern. Um diese Jahreszeit erwärmte sich das europäische Festland und es zog ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen über das Festland hinweg. Vergleichbar ist diese Wetterlage mit dem Sommermonsum in Indien und erst mit dem Klimawandel der letzten Jahre stellt sich diese Wetterlage nicht mehr so oft ein.

Ganz anders war es bei dem Hochwasser, das dem Markt Dorfen im September vor 100 Jahren heimsuchte. Eigentlich ist der September ein trockener, sonniger Herbstmonat, aber 1920 war alles anders. Es hatte anfangs September schon seit Tagen geregnet und überall traten die Flüsse über die Ufer. Dann ging in der Nacht auf Montag, den 6. September im Süden Bayerns von Oberschwaben über Isen, Haag bis zum Waginger See hin ein Wolkenbuch nieder, heute würden wir von „Starkregen“ sprechen. Die Folgen waren verheerend. Das ganze Isental von Burgrain her stand unter Wasser und im Markt Dorfen erstreckte sich die Wasserfläche vom „Schanz-Eck“ bis zum Rotteneicher Schmied in der Haager Straße. Das ganze Isental war damals ein großer See. Davon haben sich einige Fotos erhalten, so vom Bachmayerstadel gegenüber der Gärtnerei Gauster. Dort hatte das Hochwasser ein riesiges Chaos hinterlasse. Auch die Zerstörungen im Markt wurden damals schon fotografisch dokumentiert. Viele Häuser waren schwer beschädigt und mussten repariert werden. Besonders die Pflasterböden, die Stützmauern und natürlich alle Gebäude aus Holz erlitten schwere Schäden. Manche Gartenhäuser schwammen einfach davon. Besonders betroffen war der „Sebastionibauer“ , also der Bauer neben der Kirche St. Sebastian, in der übrigens auch das Wasser brusthoch stand. Das Vieh des Bauern brachte sich großenteils in Sicherheit und suchte trockene Plätze auf, nur zwei Jungrinder ertranken. Mutige Bürger von Dorfen bastelten ein Floß zusammen und ruderten nach St. Sebastian um die Kinder der Bauersfmilie zu rette. Das wäre fast schief gegangen, denn das Floß stieß auf dem Rückweg mit einen schwimmenden Rind zusammen und nur mit viel Glück wurden die Kinder gerettet. Andere Dorfener spannten Seile auf, an denen entlang sich die Bewohner durch die Wassermassen hanteln konnten, so am Rathausplatz zwischen den Häusern Sewald und Streibl. Beim Modegeschäft Bierling am Johannisplatz stand angeblich nach dem Abklingen des Hochwassers eine Kuh im Schaufenster und der Mistaufen vom Sebastionibauern soll durch den Stadtpark hindurch die Apothekerkasse entlang bis zum Rathausplatz geschwommen sei, angeblich mit dem Gockel auf dem Misthaufen. (Se non e vero, e ben trovato) Das geht natürlich schon in das Reich der Legende. Wahr ist aber, was sich im Hause Streibl ereignete. Dieses Anwesen hat einen Innenhof, der zum    Rathausplatz hin durch einen Torbogen erschlossen war, zum Lebzelter hin schloss eine Mauer den Innenhof ab und im Süden das Anwesen Ott, heute Liberty. Die Mauer zum Lebzelter hin gab dem Wasserdruck nach und stürzte ein. So floss das Wasser in den Innenhof und zum Rathausplatz hin wieder heraus. Das wäre nicht so schlimm gewesen, denn das Erdgeschoss stand sowieso schon unter Wasser, aber im Hinterhof wurde mit den Küchenabfällen eine stamme Sau gefüttert, die jetzt zu ertrinken drohte. So blieb der Familie nichts übrig als mit vereinten Kräften die Sau die enge Treppe hinauf im 1. Stock in Sicherheit zu bringen. Von diesem Transport mit der widerspenstigen Sau die Treppe hinauf, wurde in der Familie noch oft gesprochen.

Neben der Erinnerung und einigen Fotos hat sich am Anwesen im Herzoggraben, zwei Häuser hinter der Soafa, eine Hochwassermarke erhalten, die recht gut das Ausmaß der damaligen Überschwemmung wieder gibt.

Die Dorfener zogen vorerst keine Konsequenzen aus den Ereignissen. Die Zeiten waren schlecht! Erst zum Ende der 20er und anfangs der 30er Jahre begann man mit der Hochwasserfreilegung Dorfens. Wie damals üblich, wurden die Dämme erhöht und zugleich legte man die Altwasserarme der Isen trocken. Solche Altwasser erstreckten sich südlich der Isen von St. Sebastian her bis fast zur heutigen Abzweigung der Zugspitzstraße von der Isener Straße. Diese Altwasser waren die reinsten „Froschparadiese“, wurden aber allmählich mit Hausmüll aufgefüllt. Zur Abwehr der Hochwasser halfen diese Maßnahmen nicht viel. So kam es 1954 zu einem Hochwasser, das im Ausmaß und in der Höhe der Schäden fast das Hochwaser von 1920 erreichte. Auch in den 90er Jahren kam es öfter zu Hochwassern. Diese Hochwasser waren meistens „Sommerhochwasser“ zu Beginn des Sommers.

Erst als sich Stadtrat Gisbert Becker im Stadtrat von Dorfen des Themas annahm, trat hier eine Änderung ein. Er beschränkte sich nicht nur auf die Erhöhung von Dämmen. Jetzt wurden den Wassermassen Flächen angeboten, wo sie sich unschädlich ausbreiten konnten, sogenannte Retensionsflächen. Zugleich wurden damit teileweise wertvolle Biotope geschaffen. Man kann das Wirken von Gisbert Becker nicht hoch genug einschätzen, denn seither hat kein Hochwasser mehr Dorfen bedroht, man fühlt sich sicher vor dem Hochwasser und es können Flächen bebaut werden, die früher hochwassergefährdet waren. So bleibt zu hoffen, dass sich das Hochwasser vom September 1920 nie mehr wiederholen wird.

Das Hochwasser von 1920 aber fand noch vier Jahre später ein Echo in der Dorfener Zeitung mit einem Gedicht, das ein Handwerksbursche zuschickte, des damals, 1920, in Dorfen dabei war. Hier das etwas holprige aber aufschlussreiche Gedicht:

Am 6. September sind`s nun vier Jahr, daß das große Hochwasser war.
Um einh. 1 Uhr fingen die Leut an zu laufen: A Hochwasser kimmt, mia müss´n dasaufa!
Laßt`s den Schmarrn do endli glanga; no nia is bis an Markt reiganga!
Schon eine halbe Stunde drauf macht sich das Wasser gar freien Lauf
In Eile werden die Keller geräumt, das Wasser schon drohend gurgelt und schäumt.
Schnell reißt man alle Ställe auf; die Säu kommen alle auf`s Auto hinauf.
Es soll sie flüchten zum Markt hinaus; am Rathausplatz geht die Kraft schon aus.
Die Schweine warten mit grunzendem Bangen, ob sie wohl noch ins Wasser gelangen.
Die Kühe wollen im Treppensteigen, uns ihre geschickliche Kraft noch zeigen
Eine flüchtet vergnügt in den Laden und rettet sich so vom greulichen Baden.
Wohl manche auch treibt in den Fluten umher und findet den Tod im schäumendem Meer.
Einen Düngerhaufen benützt als Kahn durch die Fluten ein krähender Gockelhahn.
Er blickt auf die Leute mit innerm Frieden und denkt: So was war mir noch nie beschieden.
Im Seiltanz sich üben gar viele Leute und suchen damit aus dem Wasser das Weite.
Auf Leitern sie steigen von Haus zu Haus und turnen sich so aus den Fluten hinaus.
In der kommenden dunklen Nacht nahm wieder ab des Wassers Macht.
Als man in Zimmer und Küche sieht, das Wasser den Ruß aus dem Ofen zieht.
Auf Straßen und Plätzen in Trichter man stieg, als habe gewütet ein Mörserkrieg.
Die Arbeitslosen haben Arbeit gefunden; Glück ist mit dem Unglück doch stets verbunden.
Sie schaufeln und wirbeln den Kies umher, daß wieder gedeihe der Straßenverkehr.
Und wenn wir nicht bald die Isen bezwingen, so mag uns das Wasser leicht nochmal umringen.