Die Rathausbilder von Dorfen

Ein neuer Bericht von Franz Streibl
Fotos: Erich Förster

Das Rathaus von Dorfen war früher an einer anderen Stelle, nämlich dort wo heute die Rathausapotheke steht. Weil die Dorfener um 1850 das Amtsgericht wieder haben wollten, das ihnen in den Reformen von Montgelas genommen worden war, gaben sie ihr altes Rathaus auf und errichteten an der heutigen Stelle ein neues Rathaus. Die Rathausbilder, die um 1690 geschaffen wurden, wanderten mit und sind heute im Neubau des Rathauses gelandet.

Weil es Bestrebungen gab, im neuen Rathaus die Bilder auseinander zu reißen, habe ich mich in einem Leserbrief für deren Präsentation in einem Raum des neuen Rathauses eingesetzt, was auch, zum Glück, geschehen ist. Ein Nebeneffekt war dabei, dass besonders in der SZ die Autorenschaft von Kaspar Sing angezweifelt wurde. Das ist teilweise sicher berechtigt, nicht aber der überhebliche Stil der vorgebrachten Zweifel. So, ist von „abgekupfert“ die Rede, die Bilder werden aus dem Werk von Johann Caspar Sing „rausgekegelt“ und eine Zuschreibung an den Hofmaler Johann Caspar Sing diente nur „der Adelung Dorfens“ so wie wenn man sich einen Doktortitel kaufe. Schließlich sei die Zuschreibungen von Rudolf Kirmeyer 1920 an Kaspar Sing ein „Fake“.

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Diesem Stil will ich mich nicht anschließen und bei den Fakten bleiben.

Der Prozess Jesu

Weil Jerusalem von den Römern besetzt war, durfte nur jemand zum Tode verurteilt werden, wenn die Römer, vertreten durch Landpfleger Pontius Pilatus, zustimmten. Dieser ist in der oberen linken Bildhälfte zu sehen, der Hohe Priester ist oben in der Mitte. Wir kennen die Passionsgeschichte. Pilatus ließ Jesus vor der Kreuzigung noch geiseln. Auf dem Bild ist der gegeiselte Heiland vor der Kreuzigung zu sehen, in der Blutlache zu Füßen von Jesus ist das Monogramm des Malers zu sehen, C S P, was mit Caspar Sing Pictor gedeutet wurde. Auf verschiedenen Schrifttafeln sind auch verschiedene, teilweise auch gegensätzliche Meinungen zu den Ereignissen zu sehen. So heißt es etwa: „Keiner soll unverhört verdammt werden“ oder „Warum sollen wir den Unschuldigen verdammen?“ oder „Weil er durch seine Predigten Aufruhr verursacht hat, soll er sterben“ oder „Lasst uns diesen Aufrührer verdammen!“ u.s.w. Bemerkenswert scheint mir ein Ausspruch auf einer Tafel über dem Hohen Priester, wo zu lesen ist, dass es besser sei es sterbe nur ein Mensch als dass das ganze Volk zu Grunde ginge. Das erinnert an Paschafeste, wo viele fanatische Juden nach Jerusalem kamen, dort Unruhen anzettelten und die römische Besatzungsmacht brutal zurück schlug mit vielen Toten. Das befürchtete der Hohe Priester auch im Falle Jesu.

Von der Qualität ist dieses Bild nicht überzeugend und nicht unbedingt von Kaspar Sing. Der Bezug zum Rathaus ist dadurch gegeben, dass die Marktgemeinderäte auch die Gerichtsbarkeit über ihre Mitbürger hatten.

Das Urteil Salomons

Dieses Bild wendet sich wieder an die Rechtsprechung der Bürger über ihre Mitbürger oder gar an den Herrn Landrichter, weil König Salomon zugleich höchster Richter war. Kurz die Geschichte: Zwei Dirnen wohnten in einem Haus. Eine hatte ihr Kind im Schlaf erdrückt und es heimlich gegen das Kind der anderen ausgetauscht. Er gab Streit und der Fall wurde Salomo vorgetragen. Dieser bekannte, dass er auch nicht wisse, wem das Kind gehöre. Darum solle das lebende Kind geteilt werden und jede Frau eine Hälfte des Kindes erhalten. Darauf trat die echte Mutter von ihrem Anspruch zurück um so ihr Kind zu retten. Sie wurde damit als echte Mutter erkannt.

Dieses Bild könnte tatsächlich von Sing sein, denn es ist von weit besserer malerischer Qualität als die anderen Bilder. Man schaue nur das hübsche aber böse Gesicht der falschen Mutter an oder das Gesicht des Henkers, der die List Salomos erkannt hat und verschmitzt zu ihm hinschaut oder den herrlichen Faltenwurf der Kleider der beiden Frauen die hier eigentlich keine Dirnen sind wie der Text der Bibel sagt sondern hübsche, vornehme Frauen. Auch stehen die Gestalten auf dem Bild nicht steif herum wie auf den anderen Bildern, sondern sie sind in Bewegung. Der Maler des Bildes, möglicherweise Sing, brauchte sich das Bild nicht neu auszudenken, denn das Thema dürfte auf einer Vorlage bekannt gewesen sein und wurde mehrfach in fast der gleichen Ausführung gemalt, so zum Beispiel sogar im Kaiserzimmer des Pfarrhofs von Frauenberg an der Enns in der Steiermark.

Die Hochzeit von Kanaa

Zu diesem Bild muss man aus der Bibel wissen, dass Jesus mit seiner Mutter Maria und einigen Apostel zu einer Hochzeit geladen war. Dort ging der Wein aus. Maria sagte zu den Dienern, sie sollten tun, was Jesus ihnen sage. Jesus sträubte sich, aber schließlich verwandelte er Wasser in Wein. Der Speisenmeister probierte und bemerkte dann, dass normal erst der gute Wein gereicht werde und wenn die Gäster betrunken seien, komme der schlechte Wein. Heute sei es umgekehrt. Bei der Hochzeit sind auch im Vordergrund der feine Pudel und ein Straßenköter zu sehen, von denen jeder gerne einen Knochen vom Boden hätte, aber dem armen Pudel hilft da seine Schönheit nicht. Im Hintergrund kommen arme Leute, die auch etwas von Hochzeitsessen abbekommen, wie es früher Brauch war, und die Apostel haben rote Nasen vom guten Wein. Den dicken Wirt vorne rechts gibt es auch in der Kirche von Sachrang. Die Maler tauschen ihre Motive aus! Der Bezug zum Rathaus ist dadurch gegeben, dass im neuen Rathaus nach dem Brand von 1650 im zweiten Stockwerk ein großer Saal war, wo die Bürger Hochzeit feierten, womöglich mit Catering. Herr Prechtl wies bei seinen Führungen kritisch darauf hin, dass zur Zeit König Salamons eine Hochzeit vermutlich anders stattfand und Männer und Frauen getrennt feierten, wie heute noch bei den Arabern im Orient.

Am unteren Rand des Bildes ist ein lateinischer Spruch zu lesen und sind die Stifter des Bildes aufgeführt, darunter übliche Namen wie Stöttner, Prandt, Greißl, Mayr, Zacherl, Sedlmayr, Heigl, Eiber, Forsthuber. Von den dort aufgeführten Familien sind heute noch in Dorfen zu finden die Erhard, die Lipp und die Streibl als Nachfolger der Gaigl.

Jesus bei Martha und Maria

Nach dem Evangelium war Jesus bei Martha und Maria zu Gast. Während Maria sich zu seinen Füßen setzte und ihm zuhörte, kümmerte sich Martha um seine Bewirtung. Schließlich wurde es Martha zu viel und sie bat Jesus, doch die Maria zur Mithilfe aufzufordern. Jesus aber meinte, Maria, die ihm zuhörte, habe den besseren Teil gewählt. Der Maler, der übrigens dieses Bild selbst gestiftet und mit CSP (Caspar Sing Pictor?) signierte hat, hat die Bibelstelle vollkommen falsch ausgelegt. Er wendet sich an die Frauen in Dorfen und verspricht ihnen für die Mühe die sie mit ihren Männern, Kindern und dem Haushalt haben, den himmlischen Lohn, so wie auch Martha für ihre Sorge um das Wohl Jesu im Himmel belohnt werden wird. Mit diesem Bild sind also alle Frauen im Markt Dorfen angesprochen. Das Bild gibt einen interessanten Einblick in eine Bürgerstube der damaligen Zeit mit Hund und. Katze, Geschirr, Bildern an der Wand und sogar Knoblauchzöpfen (Die Katze stiehlt einen Fisch aus dem Fass!)

Lazarus und der reiche Prasser

Die Bilder sprechen das soziale Gewissen der Bürger an und beziehen sich auf die Geschichte im Lukasevangelium wo der reiche Prasser in Wohlstand üppig lebt und der arme Lazarus im Elend. Nach dem Tode werden die Verhältnisse dann umgekehrt.

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Die letzten Dinge

Dieses Bild dürfte von Andreas Plaichshirn gestiftet sein, dessen Wappen, ein Einhorn, unten in der Bildmitte zu sehen ist. Sonst sind keine Stifter angegeben. Nach einem Grabstein in der Josefskapelle (links neben dem Marienaltar der Pfarrkirche Maria Dorfen) war er Kammerer (Bürgermeister) in Dorfen und ist 1693 gestorben. Die vier Tafeln erinnern an die letzten Dinge eines jeden Menschen.

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